Ich habe Social Media lange für Inspiration gehalten. Heute sehe ich darin vor allem ein System, das davon lebt, dass wir unsere Aufmerksamkeit ständig verschenken. Nicht einmal bewusst aber in kleinen, kaum bemerkbaren Momenten: ein Scroll hier, ein kurzer Blick dort. Bis man irgendwann merkt, dass man viel gesehen hat, aber erstaunlich wenig erlebt.
Kapitel 1
Blinder Konsum
Schöne neue Welt
Da bin ich, scrolle mal wieder mitten an meinem freien Tag durch Inhalte, die mir subtil, wie ein schreiendes Kleinkind am Bein, erzählen, dass ich mit nun 38 Jahren langsam dringend mit Anti-Aging anfangen sollte. Dass ich vermutlich bereits Probleme mit der Perimenopause habe – ein Begriff, den ich bis dahin noch nie gehört hatte – und dass überhaupt KI Ursprung und Lösung all unserer Probleme ist. Welch Fortschritt: eine brakedancende Viktoria Beckham auf der Hochzeit ihres Sohnes Brooklyn – das (ist) crazy.
Wenn es nach all diesen Reels von Influencerinnen und Firmen geht, bin ich wohl hormonell instabil, total broke, technisch hinter dem Mond, und ich weiss noch nicht, ob ich mich entweder im Altersheim oder, noch besser, gleich im Kloster anmelden soll.
Was will Frau schliesslich noch mehr als Cremes, Nahrungsergänzungsmittel, Retreats, Astrologie, ach ja, und – schon wieder – dünn sein, um verzweifelt zu versuchen, für 28-jährige Männer attraktiv zu bleiben, die sich lieber Hämmer ins Gesicht hauen? (Siehe Looksmaxxing)
Ich kann das alles nicht mehr.
Kapitel 2
Social Media
Der Algorithmus
Der sogenannte Algorithmus steckt in jedem Smartphone mit Internet und social Media Zugang.Er analysiert dein Verhalten im Internet. Im digitalen Kontext analysiert ein Algorithmus:
- was angeklickt wird
- wie lange Inhalte betrachtet werden
- womit interagiert wird (Likes, Kommentare, Shares)
- was ignoriert oder übersprungen wird
Auf Basis dieser Daten berechnet der Algorithmus Wahrscheinlichkeiten: Welche Inhalte führen am ehesten dazu, dass eine Person länger auf der Plattform bleibt oder erneut interagiert. Inhalte mit höherer berechneter Relevanz werden bevorzugt ausgespielt. Der Algorithmus ist also der Grund, warum wie immer ähnliche Inhalte sehen, sobald wir unsere Apps öffnen.
Anders gesagt, er funktioniert so, als würde man im Restaurant Essen serviert bekommen, das man nie bestellt hat – und man isst es trotzdem. Automatisch. Nicht, weil man Hunger hat, sondern weil es bequem ist.
Man fragt nicht nach der Karte, man entscheidet nicht selbst. Es wird einfach gebracht, weil du es vorhin ja auch gegessen hast. Und solange man still sitzen bleibt, kommt der nächste Gang gleich hinterher.
Das zur Folge, dass wir uns überessen an Inhalten die wir eigentlich gar nicht sehen wollen. Bei mir löste das eine Stumpfheit aus und ein Gefühl der Abkopplung von Gefühlen.
Kapitel 3
Psychologie
wie wir zur Ware werden
Konzerne wie Meta arbeiten mit einer Armee aus Psychologinnen, Psychologen und Verhaltensforschern zusammen. Warum tun sie das? Ganz einfach: weil sie ihre Produkte unentbehrlich machen wollen.
Wir brauchen unsere digitalen Assistenten für alles. Für alles gibt es Apps. Sie wecken uns am Morgen, tragen in Statistiken vor, wie viel wir geschlafen haben und was wir heute am besten essen sollten. Dank ihnen können wir potenzielle Partner wie im Supermarkt «matchen», finden den Weg zum Café zwei Strassen weiter und fühlen uns gesehen, wenn ChatGPT uns sagt: «Das ist eine gute Frage.»
Alles ist darauf ausgelegt, unsere Bequemlichkeit und Bedürfnisse zu bedienen. Denn wenn etwas bequem ist, will das Gehirn es nicht ändern. Und für jedes Bedürfnis gibt es eine App – auch wenn es ins Ungesunde kippt. Ich als Hypochonder weiss das.
Das Spiel mit unseren Bedürfnissen: Wo etwas gratis ist, sind wir die Ware.
Doch warum produzieren Unternehmen diese Apps? In erster Linie, um unser Leben einfacher zu machen, klar. Einige Apps machen auch total Sinn. Zum Beispiel eine App, die mein Instagram blockiert, damit ich es nicht mehr nutze wie eine Süchtige. Welch ein Irrsinn: Wir nutzen mittlerweile Apps, um unseren Konsum von anderen Apps zu kontrollieren.
Wer profitiert davon? Unternehmen, die Apps entwickeln.
Wir wurden in den letzten Jahren zu Konsumenten, zu Süchtigen erzogen. Die Apps waren gratis, wir waren die Ware. Unsere Aufmerksamkeit und unser Selbst waren die Währung. Nun beginnt eine Ära des physischen Bezahlens. Einige Apps starten mit Abonnements für exklusive Inhalte, bei anderen kann man sich Verifizierungen kaufen, oder man abonniert Premium, um die Werbe-Inhalte seines Lieblings-YouTubers ohne Werbeeinblendungen von Aussen sehen zu können.
Kapitel 4
Erkennen und Handeln
Ist euch aufgefallen, dass die Inhalte auch immer die gleichen sind? Es schreien uns irgendwelche Menschen in Eiswasser sitzend an, bashen in „Reactions“ andere Creator um schlussendlich ihre Meinung als die wichtigere zu platzieren. Travelinfluencer zeigen uns wie sie scheinbar 365 Tage ohne Verpflichtungen (und Geld) durch Asien reisen und Trump hat wenig überraschend alle fünf Sekunden einen total Ausfall – was natürlich sofort geteilt und kommentiert werden muss.
Nicht zu vergessen die eindrücklichen KI-Videos, die Inhaltlich das Niveau einer Banane haben (nichts gegen Bananen, ich mag Bananen). Merken wir eigentlich noch was?
Genau, was mache ich da?
Warum konsumiere ich seit 40 Minuten irgendwelche Reels über Dinge, an die ich mich ehrlich gesagt nicht erinnere? Oder erinnerst du dich an die ersten fünf Reels, als du vorhin gescrollt hast? (und ich weiss du hast heute schon mal gesccrollt)
40 Minuten meiner Zeit, einfach verpufft. Wenn es nur bei diesen 40 Minuten «Berieselung» bleiben würde, wäre das wohl keine Tragödie. Doch drei- bis viermal 40 Minuten am Tag, jeden Tag, jede Woche – da kommt viel Lebenszeit zusammen.
Seit einigen Monaten überkamen mich ganz unangenehme Gefühle: Gefühle der Entfremdung des Selbst, Leere, Ideenlosigkeit, ständiger Vergleich, Rastlosigkeit, innere Unruhe, kürzere Aufmerksamkeitsspanne, Sprachfindungsstörungen, Ungeduld.
Könnte es mit der Bildschirmzeit von 3 h täglich (nur Instagram) zusammenhängen? Ich denke ja. Physisch hatte ich das Gefühl, dass etwas in mir meinen Geist aussaugt, das Gefühl, fremdgesteuert zu werden – auf sehr negative und destruktive Art. Als würde ich zur Hülle werden und mein Selbst, das, was uns alle ausmacht, verkümmern. Ich nenne es gerne einen SoMbie (social Media & Zombie).
Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass die jüngere Generation (Gen Z) sich mehr und mehr vom digitalen Konsum bewusst abwendet. Vielleicht hängt es auch mit der Sehnsucht nach Früher zusammen, eine Zeit in der es noch kein Internet gab.
Kontrolle behalten – Signaltöne, Pushmitteilungen ausschalten, Handyfreie Zeit einplanen, Handy auf Grautöne stellen, Apps löschen.
Kapitel 5
Reflexion & persönliche Story
Selbstexperiment
Januar 2026, ich sitze in einem wunderbaren Hotel in Saigon im Bett, müde nach einem spannenden Tag voller Eindrücke, halte – nicht zum ersten Mal auf dieser Reise – mein Smartphone in der Hand und scrolle durch dämliche Reels, an die ich mich nicht erinnern kann.
Ich schaue auf die Uhr: 30 Minuten vorbei. Ich schaue auf mein einsames Buch auf dem Nachttisch, dann zieht mein Blick weiter zum Fenster mit der abendlichen Skyline von Saigon. Mein Blick wandert zurück auf das Display. Was tue ich hier?
Zurück in der Schweiz berichtete ich meiner besten Freundin von dieser Situation. Ihr Blick verriet alles. Bin ich denn von allen guten Geistern verlassen, an einem solch aufregenden Ort einfach zum SoMbie zu werden?
Ich wollte mich selbst rausreden mit «Ich brauche das», von wegen Selbstregulierung, blabla – Bullshit. Eine Dusche, die Eindrücke aufschreiben, im Buch lesen oder einfach zum Fenster rausschauen hätten es auch getan.
Als ich so bei meiner besten Freundin auf der Couch sass, genervt von meinem Verhalten, entschloss ich mich kurzerhand, alle Social-Media-Apps von meinem Handy zu löschen. Dabei spürte ich regelrecht, wie mein Gehirn sich Ausreden einfallen liess, um die Apps nicht löschen zu müssen.
Seit dem 24. Januar 2026 habe ich alle Social-Media-Apps – bis auf WhatsApp – von meinem Smartphone gelöscht.
Als Selbstständige möchte ich prüfen, ob ich diese wirklich brauche oder ob ich mir all die Zeit bisher nur meinen Konsum erklärt habe. Beiträge habe ich in einem Programm vorprogrammiert, es gehen also automatisch Posts raus, damit mein Unternehmen sichtbar bleibt. Kontrolle sowie das Beantworten von Nachrichten erledige ich über die Desktop-Anwendung, wenn ich am Arbeitsplatz bin. Das bedeutet für mein Gehirn einen zusätzlichen Aufwand: Es wird zum Muss und ist keine Automatisierung mehr.
Weisst du was ich mir ernsthaft überlegen musste ich ersten Moment? Was stelle ich mit drei bis vier Mal 40 Minuten freie Zeit an?
Meine alternativen zum scrollen: Langeweile aushalten, Weiterbildung, Bewegung, Lesen, Malen, Gärtnern, Kochen, Bewussten Kontakt mit Freunden, Familien und Göttikindern, Wandern, Tiere, Meditation, Musik hören
Und nun, zwei Monate später?
Die App ist noch immer gelöscht – und ich bin deutlich weniger genervt. Es tut gut, nicht ständig mit unnötigen Inhalten konfrontiert zu werden. Social Media nutze ich zwar noch immer, aber bewusst und kontrolliert über den Desktop.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, Social Media vollständig zu verlassen. Sondern darum, wieder selbst zu entscheiden, wann wir uns darauf einlassen – und wann nicht. Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Wer sie ständig verteilt, verliert irgendwann den Zugang zu den eigenen Gedanken. Seit die App verschwunden ist, ist etwas zurückgekehrt, das ich lange kaum bemerkt habe: Ruhe. Raum für eigene Ideen. Und das stille Gefühl, dass nicht alles gesehen werden muss, um wirklich etwas zu erleben.
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